Umweltmedizin: Ein individueller Blick auf komplexe Fälle

Der Deutsche Berufsverband Klinischer Umweltmediziner (dbu) widmet sich der Erstellung und Aktualisierung medizinisch-wissenschaftlicher Leitlinien. Diese sollen Ärztinnen und Ärzten helfen, Entscheidungen in bestimmten Situationen zu treffen, basierend auf aktuellen Erkenntnissen und bewährten Verfahren. Eine wichtige Publikation des Verbands ist die „Handlungsorientierte umweltmedizinische Praxisleitlinie“.

Seit den 1980er Jahren, dem Beginn der Umweltmedizin, wird in der Wissenschaft kontrovers über die Ursachen der Symptome bei umweltmedizinischen Patienten diskutiert, ohne dass bis heute ein Konsens gefunden wurde. Einige Wissenschaftler sehen Schadstoffe in unserer Umwelt als Verursacher vielfältiger Gesundheitsstörungen, während andere eher psychische Störungen der Betroffenen oder sogar Massenhysterie als Erklärung für alle Symptome vermuten.

Eine Einigkeit in der Wissenschaft ist also nicht in Sicht, obwohl die betroffenen Patienten existieren. Schätzungen zufolge sind etwa 5% der Bevölkerung in der EU von umweltmedizinischen Erkrankungen betroffen. Allein einer von 200 Mitbürgern leidet demnach sogar unter einer so starken Chemikalienempfindlichkeit, dass er täglich Symptome hat. Sowohl die niedergelassenen Ärzte im Berufsverband als auch die Patienten fühlen sich von der „Main-Stream-Wissenschaft“ oft im Stich gelassen, da deren übliche, oft eingeschränkte analytische Methoden im Fall der Umweltmedizin an ihre Grenzen stoßen.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass jeder Fall in der Umweltmedizin hoch individuell ist. Patienten können auf vielfältige Weise mit hunderten verschiedenster Chemikalien belastet sein – nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch zu Hause, durch Außenluft und Lebensmittel. Hinzu können weitere, häufige Erkrankungen kommen (Vulnerabilität) oder Belastungen treffen auf individuell besonders empfindliche Menschen (Suszeptibilität), wie z.B. Asthmatiker. Dies macht es praktisch unmöglich, die vielfältigen Symptome und Krankheitsbilder einer einzelnen Ursache zuzuordnen.

Eine standardisierte Bewertung, etwa anhand von Messwerten im Sinne von Grenz- und Richtwerten, wie in der Toxikologie oder Arbeitsmedizin üblich, hat sich in der Umweltmedizin als nicht praktikabel erwiesen. Was für einen gesunden Erwachsenen scheinbar harmlos ist, kann für ein Kind oder einen alten Menschen mit Asthma schädlich sein. Nicht allein das Dosis-Wirkungsprinzip bestimmt die Schädlichkeit einer Belastung, sondern die Summe aus Dosis, Zeit der Einwirkung, Art der Belastung, Mehrfachbelastung, individueller Empfindlichkeit und der momentanen Entgiftungsfähigkeit des Körpers.

Die „Handlungsorientierte umweltmedizinische Praxisleitlinie“ orientiert sich an der Realität der ärztlichen Praxis. Sie empfiehlt bei Verdachtsfällen, sich nicht allein auf die üblichen Messwerte zu verlassen. Stattdessen müsse eine individuelle umweltmedizinische Bewertung und Diagnose anhand der gesamten langzeitigen Krankengeschichte, von Laborbefunden und des Krankheitsverlaufs durchgeführt werden. Diese Leitlinie, erstellt von einer interdisziplinären Autorengruppe, soll eine Grundlage für umweltmedizinisch tätige Ärzte bieten und Handeln dort ermöglichen, wo bisher vorrangig diskutiert wurde.

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Veröffentlicht am: Mai 21, 2025|Kategorien: Allgemein|Schlagwörter: , , , , |3,2 Min. Lesezeit|

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