Phthalate und die weibliche Fruchtbarkeit:
Ein Blick auf aktuelle Forschungsergebnisse

In unserem Alltag sind wir ständig von Kunststoffen und Düften umgeben, die oft unsichtbare chemische Begleiter enthalten. Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift FEBS Letters untersucht nun detailliert, wie sich sogenannte Phthalate (Weichmacher) auf die empfindliche Funktion der Eierstöcke auswirken können. Diese Stoffe werden weltweit in riesigen Mengen als Weichmacher eingesetzt, um Plastikprodukte flexibel zu machen, oder dienen in Kosmetika als Fixiermittel für Düfte.

Phthalate gehören zur Gruppe der endokrinen Disruptoren, ein Fachbegriff für hormonaktive Substanzen, die wie „falsche Schlüssel“ unser körpereigenes Hormonsystem stören können. Da diese Chemikalien nicht fest mit den Produkten verbunden sind, lösen sie sich leicht heraus und gelangen über die Nahrung, den Hausstaub oder die Haut in unseren Organismus. Einmal aufgenommen, verbreiten sie sich im Körper und wurden in Studien bereits in fast allen untersuchten Urin- und Gewebeproben nachgewiesen.

Besonders bemerkenswert ist, dass diese Stoffe die Blut-Follikel-Schranke überwinden und so direkt in die Flüssigkeit gelangen, die unsere Eizellen umgibt. Dort können sie die Follikelgenese stören, also den monatlichen Reifungsprozess, bei dem aus einer ruhenden Anlage eine befruchtungsfähige Eizelle entsteht. Wenn diese feine Abstimmung zwischen Eizelle und ihren Helferzellen aus dem Takt gerät, kann dies die Qualität der Eizellen mindern oder die Hormonproduktion im Eierstock verändern.

Die Forschung deutet darauf hin, dass eine hohe Belastung mit diesen Stoffen die ovarielle Reserve schneller schwinden lassen könnte. Dieser Begriff beschreibt den begrenzten Vorrat an Eizellen, mit dem jede Frau geboren wird und der über die fruchtbaren Jahre hinweg stetig abnimmt. Chemische Einflüsse könnten diesen natürlichen Rückgang beschleunigen und zu Problemen wie der Anovulation führen, bei der kein Eisprung mehr stattfindet.

Auch bei Behandlungen in Kinderwunschkliniken, wie der In-vitro-Fertilisation (IVF), zeigen sich Auswirkungen der chemischen Belastung. Studien beobachteten, dass Frauen mit höheren Phthalatwerten oft weniger reife Eizellen produzierten oder schlechter auf die notwendige Hormonstimulation ansprachen.

Trotz dieser Erkenntnisse betonen die Experten, dass wir noch mehr über die Langzeitfolgen von sehr niedrigen, aber ständigen Dosierungen lernen müssen. Es bleibt eine der großen Herausforderungen, die Bequemlichkeit moderner Kunststoffprodukte mit dem Schutz der weiblichen Fortpflanzungsgesundheit in Einklang zu bringen. Zukünftige Forschungen sollen helfen, die Grenzwerte für diese Stoffe besser an die spezifischen Risiken für Frauen anzupassen.

Baubiologie als wissenschaftlich fundierte Vorsorge

Die Baubiologie untersucht, wie sich Innenräume auf die Gesundheit auswirken, und verbindet bauphysikalische, chemische und medizinische Fragestellungen. Da Menschen in Mitteleuropa einen Großteil ihrer Zeit in geschlossenen Räumen verbringen, kommt der Qualität der Innenraumluft und der verbauten Materialien eine erhebliche Bedeutung für die Gesundheit zu. In der Umweltmedizin gilt die Vermeidung von Belastungen an der Quelle als eine der wirksamsten Formen der Prävention, da sich einmal eingetragene Schadstoffe später nur mit Aufwand wieder aus Wohnräumen entfernen lassen. Bei hormonell wirksamen Substanzen wie Phthalaten, deren Langzeitwirkungen bei niedrigen Dauerdosierungen noch nicht abschließend geklärt sind, erscheint ein vorsorgender Umgang mit Baustoffen daher besonders sinnvoll.

Hohe Weichmacheranteile in PVC

Polyvinylchlorid (PVC) ist im Ausgangszustand hart und spröde und wird erst durch die Zugabe von Weichmachern biegsam. Weich-PVC kann dabei sehr hohe Weichmacheranteile erreichen, die nach Angaben aus der Materialforschung bei 50 bis 70 Prozent des Gewichts liegen können (Dziendzioł et al., 2025). Bei Bodenbelägen liegen die Anteile häufig im Bereich von etwa 30 bis 35 Prozent (Umweltbundesamt DE, 2007). Da die Weichmacher nicht chemisch fest an das PVC gebunden sind, können sie über die Jahre kontinuierlich aus dem Material austreten und sich in der Raumluft sowie im Hausstaub anreichern (Milton et al., 2023).

Weichmacherquellen in Wohnräumen

Phthalathaltige Materialien finden sich in vielen Bereichen der Wohnung. Zu den häufigen Quellen zählen PVC-Bodenbeläge, Vinyltapeten, Kabelummantelungen, Kunstledermöbel und Duschvorhänge sowie weichmacherhaltige Klebstoffe, Farben und Lacke (Umweltbundesamt DE, 2007). Weil die Stoffe ausgasen oder durch Abrieb freigesetzt werden, reichern sie sich bevorzugt im Hausstaub an, der als bedeutender Aufnahmepfad gilt. Untersuchungen in Wohnungen deuten darauf hin, dass insbesondere Staub von älteren PVC-Böden erhöhte Konzentrationen des Weichmachers DEHP (Di(2-ethylhexyl)phthalat) enthalten kann (Ait Bamai et al., 2016) DEHP darf mittlerweile in der EU aufgrund der hormonellen Wirkung nicht mehr verwendet werden.

Empfehlung zu PVC-Bodenbelägen

Vor diesem Hintergrund empfiehlt das österreichische Umweltbundesamt, alte PVC-Bodenbeläge zu entfernen und bei einer Neuverlegung auf PVC zu verzichten (Umweltbundesamt AT, 2004). Als Alternativen bieten sich Beläge aus Holz, Kork, Linoleum, Naturkautschuk oder Keramik an, die keine oder kaum Phthalate enthalten. Wer dennoch nicht auf einen elastischen Kunststoffboden verzichten möchte, sollte auf emissionsarme, mit anerkannten Gütezeichen geprüfte Produkte achten.

Referenzen
Dziendzioł, P., Waśkiewicz, S. & Jaszcz, K. (2025). New Biobased Plasticizers for PVC Derived from Saturated Dimerized Fatty Acids. Materials, 18(9), 2155. https://doi.org/10.3390/ma18092155
Umweltbundesamt (DE) (2007). Phthalate. Die nützlichen Weichmacher mit den unerwünschten Eigenschaften. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt (Deutschland). https://www.umweltbundesamt.de/system/files/medien/publikation/long/3540.pdf
Milton, S. G., Tejiram, R. A., Joglekar, R. & Hoffman, K. (2023). Characterizing the Contribution of Indoor Residential Phthalate and Phthalate Alternative Dust Concentrations to Internal Dose in the US General Population: An Updated Systematic Review and Meta-Analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(16), 6589. https://doi.org/10.3390/ijerph20166589
Ait Bamai, Y., Araki, A., Kawai, T., Tsuboi, T., Saito, I., Yoshioka, E., Cong, S. & Kishi, R. (2016). Exposure to phthalates in house dust and associated allergies in children aged 6–12 years. Environment International, 96, 16–23. https://doi.org/10.1016/j.envint.2016.08.025
Umweltbundesamt (AT) (2004). Hausstaub – ein Indikator für Innenraumbelastung (Berichte, Bd. BE-258; Autoren M. Uhl, P. Hohenblum & S. Scharf). Wien: Umweltbundesamt. ISBN 3-85457-753-2. https://www.umweltbundesamt.at/

 

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Veröffentlicht am: Juni 30, 2026|Kategorien: Allgemein|Schlagwörter: , , , , |6,5 Min. Lesezeit|

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