Der unterschätzte Cocktail: Warum die Chemikaliensicherheit in der EU hinter der Realität zurückbleibt
In zwei Videos der beiden Experten Prof. Dr. Th. Backhaus und Prof. Dr. Ch. Rudén wird der unbeabsichtigte „Cocktail“ aus Hunderten oder sogar Tausenden von Chemikalien beschrieben, dem wir täglich über die Luft, das Wasser, die Nahrung und den direkten Kontakt mit alltäglichen Produkten aufnehmen. Wie die zwei Experten ausführen, werden, obwohl bekannt ist, dass die Risiken dieser chemischen Mischungen sich addieren und die Gesamtwirkung der einzelnen Stoffe übersteigt, Chemikalien in der EU gemäß der REACH-Gesetzgebung weiterhin nur einzeln bewertet. Dieser Ansatz führt zu einer systematischen Unterschätzung der Gesundheitsrisiken für Mensch und Umwelt.
Diese Fokussierung auf Einzelsubstanzen ignoriert laut den Experten die Ko-Expositionen, da Unternehmen oft davon ausgehen, dass sie allein den gesamten akzeptablen Expositionsraum belegen dürfen, obwohl sie diesen Raum de facto teilen. Die potenziellen Gesundheitsfolgen umfassen Allergien, Krebs, Fortpflanzungsstörungen sowie Beeinträchtigungen des Immun- und Nervensystems. Aktuelle Studien, beispielsweise zu endokrinen Disruptoren wie Parabenen und Phthalaten, belegen, dass Mischungen dieser Stoffe die kardio-metabolische (Kreislauf und Stoffwechsel), respiratorische (die Atmung betreffend) und neuro-entwicklungsbezogene (die Entwicklung des Nervensystems betreffend) Gesundheit von Kindern negativ beeinflussen.
Da es praktisch unmöglich ist, jede sich ständig ändernde Mischung wissenschaftlich zu analysieren, sind pragmatische Lösungen erforderlich, um diese offensichtliche Regulierungslücke zu schließen. Die Experten schlagen vor, einen Mischungsbewertungsfaktor (Mixture Assessment Factor, MAF) in die REACH-Gesetzgebung zu integrieren, um den Mischungseffekt anzuerkennen und einen Puffer gegen unannehmbar hohe Expositionen zu schaffen. Darüber hinaus sollte die Regulierung verstärkt ganze chemische Familien anstelle nur einzelner Verbindungen ins Visier nehmen, um einen umfassenderen Schutz der öffentlichen Gesundheit zu gewährleisten.
Prof. Dr. Th. Backhaus ist Inhaber des Lehrstuhls für Ökotoxikologie und Umweltverträglichkeitsprüfung an der RWTH Aachen. Prof. Dr. Ch. Rudén ist Professorin für Angewandte Umweltwissenschaften an der Universität Stockholm.
Baubiologische Richtwerte betrachten diesem Zusammenhang schon seit langem und geben empirische Summenwerte für die in Innenräumen auftretenden komplexen Schadstoffgemische an.
Es muss berücksichtigt werden, dass es sich nie um einzelne Substanzen handelt, die aufgenommen werden, sondern um komplexe Stoffgemische mit bis zu 5.000 Chemikalien, die in Innenräumen nachgewiesen werden können. (Scharf, 2006) Diese treten in einem chronischen Niedrigdosisbereich auf und es zeigen sich in diesen Schadstoffmixturen gesundheitsschädliche Wirkungen, auch wenn Einzelsubstanzen unter den Richtwerten liegen. Der bisherige Bewertungsansatz ist jedoch primär an einer Bewertung von reinen Einzelstoffverbindungen ausgelegt. (EU, 2018b) Forschung und Entwicklung sollten sich daher nach Bluyssen et al. (2010) auf die Vielfachexposition des Menschen konzentrieren, statt nur Einzelverbindungen zu betrachten. Auch müssen aus umweltmedizinischer Sicht synergistische Effekte berücksichtigt werden, da bei einem komplexen Zusammenwirken vieler Einflüsse das bestehende Dosis-Wirkungs-Prinzip nicht gültig ist. (EUROPAEM & ÖAK, 2012, S. 1 u. 2)
Scharf, S. (2006). Hausstaub – ein Indikator für Innenraumbelastung ? Retrieved from http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/leistungen/Umweltanalytik/Hausstaub_-_Ein_Indikator_f_r_Innenraumbelastung.pdf
Bluyssen, P. M., De Richemont, S., Crump, D., Maupetit, F., Witterseh, T., & Gajdos, P. (2010). Actions to reduce the impact of construction products on indoor air: Outcomes of the European project healthyair. Indoor and Built Environment, 19(3), 327–339. https://doi.org/10.1177/1420326X10370533
EUROPAEM, & ÖAK. (2012). Diagnostik umweltausgelöster Multisystemerkrankungen aus Sicht der Klinischen Umweltmedizin; Europäische Akademie für Umweltmedizin ( EUROPAEM), Österreichische Ärztekammer Referat Umweltmedizin Wien , am 3 . März 2012 Diagnostik umweltausgelöster Multisy, 1–19.
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