Unhörbarer Stress: Wie Infraschall in unseren Wohnräumen heimlich Cortisol erhöht und die Stimmung trübt

Eine neue Studie aus dem Frontiers-Journal Behavioral Neuroscience zeigt: Infraschall – tieffrequente Schallwellen unter 20 Hz, die wir gar nicht bewusst hören – kann beim Menschen messbar Stresshormone erhöhen und die Stimmung negativ verändern. Für die Baubiologie ist das ein wichtiger Befund, denn diese unhörbaren Wellen entstehen nicht nur durch Windkraftanlagen, sondern auch durch Lüftungen, Heizungen, Klimaanlagen und Verkehr – also genau dort, wo wir täglich leben und arbeiten.

Was ist Infraschall – und warum sollten wir uns darum kümmern?

Infraschall ist Schall mit Frequenzen unter 20 Hz. Das menschliche Ohr ist auf den Bereich zwischen etwa 20 Hz und 20.000 Hz ausgelegt – Infraschall liegt also unterhalb dessen, was wir bewusst als Geräusch wahrnehmen. Trotzdem ist diese Schallart in unserer gebauten Umwelt allgegenwärtig: Sie entsteht durch Lüftungsanlagen, Klimageräte, Heizungspumpen, brummende Rohre, Verkehr, Windkraftanlagen und große Maschinen. Auch natürliche Quellen wie Gewitter oder Stürme erzeugen Infraschall.

Schon lange wird vermutet, dass Infraschall trotz fehlender bewusster Wahrnehmung körperliche und psychische Wirkungen haben könnte – Stichwort Sick Building Syndrome, Wind Turbine Syndrome oder die berühmten „Spukhaus-Effekte“. Die wissenschaftliche Evidenzlage war bislang allerdings widersprüchlich.

Die neue Studie: Erhöhter Cortisolspiegel ohne bewusste Wahrnehmung

Die im April 2026 veröffentlichte Studie der MacEwan University in Edmonton (Kanada) liefert nun einen der bislang sauberen experimentellen Belege dafür, dass Infraschall tatsächlich auf den menschlichen Organismus wirkt – auch ohne dass die Betroffenen ihn bewusst wahrnehmen.

Der Studienaufbau in Kürze

Die Forschungsgruppe um Kale R. Scatterty und Rodney M. Schmaltz untersuchte 36 Studierende in einem 2×2-faktoriellen Design. Die Teilnehmenden wurden je einer von vier Bedingungen zugewiesen:

  1. Beruhigende Musik mit Infraschall (~18 Hz, 75–78 dB)
  2. Beruhigende Musik ohne Infraschall
  3. Beunruhigende Musik mit Infraschall
  4. Beunruhigende Musik ohne Infraschall

Die Forschenden maßen sowohl den selbstberichteten Affekt (PANAS-Fragebogen) als auch den Cortisolspiegel im Speichel vor und 20 Minuten nach der Beschallung. Cortisol gilt als etablierter Biomarker für Stress (James et al., 2023).

Die zentralen Ergebnisse
  1. Infraschall blieb unter der bewussten Wahrnehmungsschwelle. Die Teilnehmenden konnten nicht zuverlässig erkennen, ob Infraschall im Raum war (p = 0,241). Sie tippten quasi nach Zufall.
  2. Trotzdem stieg der Cortisolspiegel. In der Infraschall-Bedingung war die Cortisolkonzentration 20 Minuten nach Stimulusbeginn signifikant erhöht (p = 0,022; Effektstärke rrb = 0,390). Dieser Effekt war unabhängig davon, ob beruhigende oder beunruhigende Musik lief.
  3. Die Stimmung kippte ins Negative. Teilnehmende der Infraschall-Bedingung berichteten:
  • höhere Reizbarkeit (p = 0,049)
  • weniger Interesse (p = 0,044)
  • die Musik wurde als „trauriger“ empfunden (p = 0,002; Effektstärke η² = 0,253 – ein großer Effekt)
  1. Keine Erwartungseffekte. Was die Probanden glaubten, ob Infraschall im Raum sei, hatte keinen Einfluss auf ihren Cortisolspiegel. Die physiologische Reaktion war also nicht durch einen Nocebo-Effekt erklärbar.

Bemerkenswert: Auch wenn man statistisch für die erhöhte Reizbarkeit kontrollierte, blieb der Cortisol-Effekt bestehen. Das bedeutet, die Stresshormon-Erhöhung lässt sich nicht allein durch die schlechtere Stimmung erklären – Infraschall scheint einen eigenständigen physiologischen Pfad zu beeinflussen.

Wie nimmt der Körper etwas wahr, das die Ohren nicht hören?

Eine spannende Hypothese der Autoren: Möglicherweise wird Infraschall nicht über die normale Hörbahn (Cochlea), sondern über das Gleichgewichtsorgan (Otolithen) detektiert. Bei Fischen ist dieser Detektionsweg gut belegt – Zebrabärblinge zeigen bei 15 Hz nachweislich Vermeidungsverhalten (Scatterty et al., 2023). Da das Vestibularsystem über umfangreiche Verbindungen zum limbischen System verfügt – also zu den Gehirnregionen, die Emotionen verarbeiten – ergibt sich daraus ein plausibler Erklärungspfad: Infraschall → Otolithen → limbisches System → emotionale und hormonelle Reaktion.

Einordnung: Die Forschungslage ist nicht eindeutig

Wer den Blog ernst nehmen soll, muss auch die Gegenstimmen kennen. Die Forschung zu Infraschall und Gesundheit war jahrelang umstritten – und ist es teilweise immer noch.

Studien, die keine Effekte fanden: Eine doppelblinde Crossover-Studie über 72 Stunden mit simuliertem Windkraft-Infraschall (Marshall et al., 2023) konnte keine Effekte auf Schlafqualität oder physiologische Marker nachweisen. Auch Maijala et al. (2021) fanden in einer Laborstudie mit Aufnahmen aus Windkraftgebieten keine Wirkung von Infraschall wie Störungen oder vegetative Reaktionen. Ein Review von van Kamp und van den Berg (2021) fasst zusammen: Bei Windkraftanlagen ist die Störung vor allem durch hörbaren Schall bedingt; für Infraschall unterhalb der Hörschwelle gibt es bisher keine konsistente Evidenz für gesundheitliche Wirkungen.

Studien, die Effekte fanden: Chaban et al. (2021) zeigten in vitro, dass hohe Infraschallpegel über 100 dB die Kontraktionskraft menschlichen Herzmuskelgewebes negativ beeinflussen können. Untersuchungen zu tieffrequentem Lärm in Bürogebäuden (Chiu et al., 2023) und Wohnungen (Wang & Norbäck, 2021) belegen Zusammenhänge zwischen tieffrequentem Innenraumlärm und Belästigung, Konzentrationsproblemen, Kopfschmerzen und Schlafstörungen.

Die neue Studie von Scatterty et al. (2026) ist deshalb so wichtig, weil sie methodisch sauber arbeitet: Sie kombiniert validierte Schallpegel, ein verblindetes Design, einen objektiven Biomarker (Speichelcortisol) und Selbstberichtsdaten. Damit fügt sie der laufenden Debatte ein konkretes physiologisches Puzzleteil hinzu.

Was bedeutet das für die Baubiologie?

Aus baubiologischer Sicht ist die Studie aus mehreren Gründen relevant:

  1. Tieffrequenter Schall ist in Wohnungen häufig. Die WHO weist seit Jahren darauf hin, dass Umgebungslärm zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken in Europa gehört (Jarosińska et al., 2018). Tieffrequenter Schall wird in regulären Schallpegelmessungen, die mit A-Bewertung arbeiten, systematisch unterschätzt – die A-Bewertung dämpft tiefe Frequenzen.
  2. Cortisol ist ein zentraler Stressmediator. Chronisch erhöhte Cortisolspiegel sind mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Schlafstörungen und psychischen Belastungen assoziiert (van Kempen et al., 2018). Wenn schon kurze Infraschallexposition akut den Cortisolspiegel hebt, sollten die Folgen längerer Exposition wissenschaftlich weiter untersucht werden.
  3. Quellen liegen oft in der Gebäudetechnik selbst. Lüftungen, Wärmepumpen, Aufzüge, Pumpen, Klimageräte, Tiefgaragen-Ventilatoren – die typischen Lärmquellen in modernen Gebäuden produzieren genau jenen tieffrequenten Schallbereich, der laut der neuen Studie körperliche Stressreaktionen auslösen kann. Wang und Norbäck (2021) konnten in einer großen schwedischen Wohnungsstudie zeigen, dass Belästigung durch Installationen und Lüftungssysteme mit Müdigkeit, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen einhergeht (OR = 1,70–8,19).
  4. Praktische Konsequenzen für gesundes Bauen:
  • Sorgfältige Planung und Entkopplung von Haustechnik (Pumpen, Lüfter, Aggregate)
  • Akustische Messungen, die auch den Infraschallbereich erfassen (nicht nur A-bewertet)
  • Standortwahl mit Abstand zu Windparks, Industrieanlagen und stark befahrenen Straßen
  • Schwingungsdämpfung von Geräten in Technikräumen
  • Bei wiederkehrender Reizbarkeit, schlechter Stimmung oder unerklärlichem Stress ohne offensichtliche Ursache: An tieffrequente Schallquellen denken und ggf. messen lassen
Fazit

Die Studie von Scatterty et al. (2026) liefert experimentelle Evidenz für eine Hypothese, die viele Baubiologen seit Jahren vertreten: Auch unhörbare Schallanteile können das Wohlbefinden beeinflussen. Der Befund einer Cortisolerhöhung ohne bewusste Wahrnehmung und ohne Erwartungseffekt ist methodisch besonders bemerkenswert. Gleichzeitig ist Vorsicht geboten – die Stichprobe ist klein (n = 36), und andere methodisch starke Studien fanden keine Effekte. Die Forschungslage bleibt offen, und größere Replikationen sind nötig.

Klar ist aber: Wer Wohnräume, Schlafzimmer oder Arbeitsplätze gesund gestalten will, sollte tieffrequenten Schall ernster nehmen, als es übliche bauakustische Standards bisher tun. Das nächste Mal, wenn jemand sagt, „Hier fühle ich mich einfach unwohl, ich weiß auch nicht warum“ – könnte die Antwort tatsächlich in den Wänden, Rohren und Lüftungsschächten liegen.

Referenzen
Scatterty, K. R., VonStein, D., Prichard, L. B., Franczak, B. C., Hamilton, T. J., & Schmaltz, R. M. (2026). Infrasound exposure is linked to aversive responding, negative appraisal, and elevated salivary cortisol in humans. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 20, 1729876. DOI: 10.3389/fnbeh.2026.1729876
Neuroscience News (2026). Sound of Fear: Infrasound Mimics Supernatural Feelings. https://neurosciencenews.com/infrasound-stress-cortisol-mood-30611/
Chaban, R., Ghazy, A., Georgiade, E., Stumpf, N., & Vahl, C. F. (2021). Negative effect of high-level infrasound on human myocardial contractility: in-vitro controlled experiment. Noise & Health, 23(109), 57–66. DOI: 10.4103/nah.NAH_28_19
Friedrich, B., Joost, H., Fedtke, T., & Verhey, J. L. (2023). Temporal integration of infrasound at threshold. PLoS ONE, 18(7), e0289216. DOI: 10.1371/journal.pone.0289216
Marshall, N. S., Cho, G., Toelle, B. G., et al. (2023). The Health Effects of 72 Hours of Simulated Wind Turbine Infrasound: A Double-Blind Randomized Crossover Study in Noise-Sensitive, Healthy Adults. Environmental Health Perspectives, 131(3), 037012. DOI: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36946580/
Maijala, P., Kurki, I., Vainio, L., et al. (2021). Annoyance, perception, and physiological effects of wind turbine infrasound. The Journal of the Acoustical Society of America, 149(4), 2238–2248. DOI: 10.1121/10.0003509
van Kamp, I., & van den Berg, F. (2021). Health Effects Related to Wind Turbine Sound: An Update. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(17), 9133. DOI: 10.3390/ijerph18179133
Chiu, S., Brueck, S., Wiegand, D. M., et al. (2023). Evaluation of Low-Frequency Noise, Infrasound, and Health Symptoms at an Administrative Building and Men’s Shelter: A Case Study. Seminars in Hearing, 44(4), 503–520. DOI: 10.1055/s-0043-1769497
Wang, J., & Norbäck, D. (2021). Home Environment and Noise Annoyance in a National Sample of Multi-Family Buildings in Sweden – Associations with Stress-Related Symptoms. Research Square (Preprint). DOI: 10.21203/rs.3.rs-712568/v1
Boczar, T., Zmarzły, D., Kozioł, M., et al. (2022). Measurement of Infrasound Components Contained in the Noise Emitted during a Working Wind Turbine. Energies, 15(2), 597. DOI: 10.3390/en15020597
Jarosińska, D., Héroux, M.-È., Wilkhu, P., et al. (2018). Development of the WHO Environmental Noise Guidelines for the European Region: An Introduction. International Journal of Environmental Research and Public Health, 15(4), 813. DOI: 10.3390/ijerph15040813
van Kempen, E., Casas, M., Pershagen, G., & Foraster, M. (2018). WHO Environmental Noise Guidelines for the European Region: A Systematic Review on Environmental Noise and Cardiovascular and Metabolic Effects: A Summary. International Journal of Environmental Research and Public Health, 15(2), 379. DOI: 10.3390/ijerph15020379
Yonemura, M., Lee, H., & Sakamoto, S. (2021). Subjective Evaluation on the Annoyance of Environmental Noise Containing Low-Frequency Tonal Components. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(13), 7127. DOI: 10.3390/ijerph18137127
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Veröffentlicht am: April 29, 2026|Kategorien: Elektrosmog|Schlagwörter: , , , , |10,6 Min. Lesezeit|

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