Bildschirme im Klassenzimmer:
Was in der Debatte über digitale Geräte in der Schule fehlt

Ein kurzer Videoausschnitt aus einer Anhörung im US-Senat verbreitet sich derzeit auch im deutschsprachigen Raum. Ein Neurowissenschaftler erklärt darin, dass Bildschirme im Unterricht das Lernen eher behindern als fördern. Das Video ist hier abrufbar, die vollständige schriftliche Stellungnahme steht öffentlich zum Nachlesen bereit.

Der Ausschnitt stammt aus der Anhörung „Plugged Out: Examining the Impact of Technology on America’s Youth“ des US-Senatsausschusses für Handel, Wissenschaft und Verkehr vom 15. Jänner 2026. Der Neurowissenschaftler Dr. Jared Cooney Horvath argumentierte dort sinngemäß, dass Lesekompetenz, Rechenfähigkeit und Aufmerksamkeit in vielen westlichen Ländern seit Mitte der 2000er-Jahre stagnieren oder zurückgehen, während sich der Unterricht im selben Zeitraum rasch digitalisiert habe, meist ohne unabhängige Wirksamkeitsprüfung (Horvath, 2026).

Die gesamte Debatte dreht sich um Inhalte und Nutzungsdauer. Was praktisch nie vorkommt, ist die physikalische Beschaffenheit der Lern- und Schlafumgebung. Ein Klassenzimmer voller Tablets ist nicht nur ein Ablenkungsproblem, sondern auch ein verändertes physikalisches Milieu mit mehr hochfrequenten Feldern, mehr blauanteiligem Kunstlicht und häufig schlechterer Luft.

Gedächtnis wird im Schlaf gefestigt. Eingeschränkter Schlaf gilt als Faktor, der Lernleistungen beeinträchtigen kann. Und hier liegt der Bereich, den Eltern am unmittelbarsten beeinflussen können.

Zum Blaulicht liegen aus einer kontrollierten Laborstudie vergleichsweise belastbare Daten vor. Nach fünf Abenden mit je vier Stunden Lesen auf einem hintergrundbeleuchteten E-Reader verschob sich der Melatonin-Anstieg um rund 1,5 Stunden nach hinten, das Einschlafen dauerte etwa zehn Minuten länger, der Anteil des Rapid-Eye-Movement-Schlafs (REM-Schlaf) nahm ab, und die Probanden waren am Morgen schläfriger (Chang et al., 2015). Jugendliche scheinen empfindlicher zu reagieren, bei 15- bis 17-Jährigen wurden nach einer Stunde Gerätenutzung rund 23 % und nach zwei Stunden rund 38 % Melatoninunterdrückung gemessen (Figueiro und Overington, 2016).

In einer Metaanalyse mit 125.198 Kindern und Jugendlichen war die Gerätenutzung vor dem Einschlafen mit zu wenig Schlaf (Odds Ratio (OR) 2,17), schlechter Schlafqualität (OR 1,46) und ausgeprägter Tagesmüdigkeit (OR 2,72) assoziiert (Carter et al., 2016). Bereits die Anwesenheit eines Geräts im Schlafraum ohne aktive Nutzung ging mit schlechteren Werten einher (zu wenig Schlaf OR 1,79, schlechte Schlafqualität OR 1,53, Tagesmüdigkeit OR 2,27) (ibid.). Einschränkend ist anzumerken, dass durchwegs Querschnittsstudien vorliegen, woraus sich kein Kausalzusammenhang ableiten lässt (ibid.).

Ein Expertengremium der National Sleep Foundation erzielte Konsens darüber, dass Bildschirmnutzung und besonders die Inhalte vor dem Schlafengehen die Schlafgesundheit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen können (Hartstein et al., 2024).

Was wir aus der Messpraxis empfehlen

  • Im Klassenzimmer Kabel statt Funk verwenden, wo eine Leitung liegt oder gelegt werden kann. Bei Sanierungen Netzwerkkabel gleich mitverlegen.
  • Access Points nicht in Kopfnähe montieren, Sendeleistung reduzieren, außerhalb der Nutzungszeiten per Zeitschaltuhr abschalten.
  • Internet blockweise statt dauerhaft nutzen, das senkt Ablenkung und Exposition zugleich. Geräte in den Flugmodus, wenn nur lokale Inhalte gebraucht werden.
  • Warmweiße Beleuchtung unter 3.000 Kelvin und flimmerarme Leuchtmittel prüfen.
  • Zuhause kein Gerät im Schlafraum, weder zum Laden noch als Wecker noch „nur daneben“.
  • Router für das kabellose Netzwerk (Wireless Local Area Network, WLAN) nachts abschalten und nicht im Schlaf- oder Kinderzimmer platzieren. Basisstationen schnurloser Telefone (Digital Enhanced Cordless Telecommunications, DECT) auf Nullstrahlung im Ruhezustand umstellen.
  • Abstand halten, die Strahlungsdichte nimmt mit dem Quadrat der Entfernung ab.
  • Mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen bildschirmfrei, unabhängig davon, ob ein Nachtmodus aktiviert ist. Der Inhalt regt auf, nicht nur das Licht.
  • Elektroinstallation im Kopfbereich des Bettes prüfen lassen. Ein Netzfreischalter ist häufig eine einfache und wirksame Maßnahme.

 

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Referenzen:
Horvath, J. C. (2026): Written Testimony before the U.S. Senate Committee on Commerce, Science, and Transportation, 15.01.2026. Anhörung „Plugged Out: Examining the Impact of Technology on America’s Youth“.
Chang, A.-M.; Aeschbach, D.; Duffy, J. F.; Czeisler, C. A. (2015): Evening use of light-emitting eReaders negatively affects sleep, circadian timing, and next-morning alertness. PNAS 112(4), 1232–1237. doi:10.1073/pnas.1418490112
Figueiro, M. G.; Overington, D. (2016): Self-luminous devices and melatonin suppression in adolescents. Lighting Research & Technology 48(8), 966–975. doi:10.1177/1477153515584979
Carter, B.; Rees, P.; Hale, L. et al. (2016): Association Between Portable Screen-Based Media Device Access or Use and Sleep Outcomes. JAMA Pediatrics 170(12), 1202–1208. doi:10.1001/jamapediatrics.2016.2341
Hartstein, L. E. et al. (2024): The impact of screen use on sleep health across the lifespan: A National Sleep Foundation consensus statement. Sleep Health 10(4), 373–384. doi:10.1016/j.sleh.2024.05.001

 

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Veröffentlicht am: Juli 27, 2026|Kategorien: Allgemein, Elektrosmog|Schlagwörter: , , , , , |5,5 Min. Lesezeit|

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